Der Schneider, der Bäcker, der Polizist

Ein Tag in der Türkei: Am Morgen beschließen wir nach fast einer Woche unser Hostel in Trabzon zu verlassen. Wir warten seit 5 Tagen auf unsere Referenznummer, die wir im Iran beantragt hatten, um damit zur Botschaft in Trabzon zu gehen und das Visum zu holen. (Im Iran war Feiertag😊) Jedoch können wir ja auch hierher zurückkommen und müssen nicht hier bleiben.

Endlich ist das Wetter besser und Daffy & Daky zeigen bereits erste Rostspuren auf ihren Ketten. Also packen wir unsere Sachen zusammen. Dabei fällt Robert auf, dass bei seiner geliebten Cargohose eine Naht an der Tasche aufgegangen ist. Da es nicht weit vom Hostel einen Schneider gibt, geht Robert kurzentschlossen zu ihm mit den Worten: „wir kommen ja nochmal wieder nach Trabzon, dann kann ich die Hose wieder mitnehmen.“

Nach etwa 5 Minuten kommt Robert vom Schneider zurück und strahlt. In der Hand trägt er die reparierte Hose. Der Schneider hatte nach einer freundlichen Begrüßung sofort seine aktuelle Arbeit aus der Nähmaschine genommen und die Hose genäht. (2,5 min) Dann gab es eine freundliche „Diskussion“ über das Bezahlen (1,5 min) – die Robert verlor! Er durfte nix bezahlen! Dann die Verabschiedung und der Rückweg. Ich hatte in dieser Zeit nicht mal meine Sachen an Daffy verstaut. Hammer schnell! Hammer – mal wieder eingeladen!

Die Berge bei Trabzon

Wir fahren in die Berge und es fühlt sich wieder so gut an. Immer wieder sind wir sehr glücklich, uns für die Motorräder als Reisegefährt entschieden zu haben. An manchen Regentagen beneidet man schon alle Reisenden, die ein festes Dach über dem Kopf haben (Truck, Van, Womo, usw) – aber das Fahren und erleben der Landschaften ist halt einfach mit dem Motorrad unbeschreiblich und das Zelten lieben wir. Die Landschaft bei Trabzon erinnert uns sofort an die Alpen. Steile Berghänge, grüne Wiesen, Serpentinen, schneebedeckte Gipfel und tolle Felsen. An den vielen Moscheen erkennen wir aber doch, dass wir nicht durch Österreich fahren. 😊

Als wir um die Mittagszeit Hunger verspüren, halten wir bei einem Bäcker, da wir weit und breit keine Alternative dazu gesehen haben. Wir betreten den recht großen und modernen Laden, der gleichzeitig Backstube und Verkaufsraum ist und grüßen freundlich. Sofort kommt die uns schon so vertraute Frage: Möchtet ihr Tee? Da sagen wir nicht nein. So ein Bäcker in der Türkei hat wirklich nur Brot – da sucht man vergeblich nach Gebäck oder Teilchen. Dieser Bäcker hat jedoch ein Brot, welches mit Käse gefüllt ist. Ideal für einen kleinen Mittagsnack. Da wir nun schon in der Backstube beim Tee trinken sind, essen wir auch dort direkt das ausgesuchte Brot und bekommen natürlich auch noch mehr Tee. Wir beobachten den Bäcker bei seiner Arbeit, wie er in den riesigen, holzbefeuerten Ofen seine Brote reinschiebt und kommunizieren mal wieder mit Google Translator. „Wo kommt ihr her? Wohin fahrt ihr? Wie viele Kinder habt ihr?“ Und zwischendurch müssen die Brote im Ofen gedreht werden. „Gefällt euch die Türkei?“ Nach etwa einer Stunde beim Bäcker wollen wir weiter und möchten vorher bezahlen. Ihr ahnt was kommt? Natürlich dürfen wir nix bezahlen! Keine 4 Tee, kein leckeres warmes mit Käse gefülltes Brot. Doch ein Brot für den Abend möchten wir gerne noch KAUFEN. Wir nehmen eines mit Sesam – das kennen wir noch als Teig. Ich mache dem Bäcker klar, dass ich es nur mitnehme, wenn ich es bezahlen darf. Sein Mitarbeiter sagt 7 Lira – der Bäcker sagt 5! (6,2 Lira sind 1 Euro)

Unser Bäcker

So fahren wir gestärkt zurück nach Trabzon, da wir inzwischen die erwartete Email aus dem Iran erhalten haben und zur Botschaft dürfen.

Vor der Botschaft stehen zwei Polizisten. Dort fragen wir an, ob wir unsere Motorräder vor dem Wachhäuschen stehen lassen dürfen. Wir klingeln am Tor und nix passiert. Einer der Polizisten kommt zu uns und holt sein Handy raus, um uns mit dem Translator zu sagen: „heute ist ein Feiertag in der Türkei – da ist die Botschaft zu“. Wir unterhalten uns noch etwas mit ihm und irgendwann frage ich ihn nach einem Copyshop, da in der Email stand, dass man noch eine Kopie der Pässe dabei haben soll. Copyshop in der Nähe gibt es nicht, aber der Polizist ruft etwas einem gerade parkendem Mann zu und gibt mir zu verstehen, dass ich ihm folgen soll. Was passiert jetzt? Wir laufen um die Ecke in einen Blumenladen, gehen ins Hinterzimmer und dort macht der Polizist zwei Kopien von unseren Pässen. Farbkopien – natürlich kostenfrei! Seht ihr es vor eurem geistigen Auge: Ein kleines, enges, unaufgeräumtes Hinterzimmer in einem türkischen Blumenladen und ein Polizist, der eigentlich Wache hat, macht Kopien für uns. Ist doch selbstverständlich – oder?

Hier klingeln wir vergeblich
Unser hilfsbereiter Polizist (Bildmitte)

Könnt ihr euch denken, wie oft wir an einem solchen Tag sagen: „Stell dir das mal in Deutschland vor!“  Ein Mann, der kein Wort deutsch spricht, kommt in ein deutsches Geschäft und fragt mit Gesten nach einer Dienstleistung… Naja – ihr könnt euch den Satz selbst vervollständigen.

Ach ja und eigentlich hätte ich euch natürlich von der Sehenswürdigkeit berichten sollen, die wir an diesem Tag besuchten. Wir waren in einer wirklich sehr beeindruckenden Höhle, die Calköy Cave. Aufgrund der Regenfälle der letzten Woche war sie voller Wasser und man geht die gesamte Zeit auf Stegen über dem Fluß und an Wasserfällen entlang. Stalagmiten und Stalaktiten sind zu bewundern und die gesamte Länge der Höhle ist noch nicht erforscht – sie ist echt groß.  

Was wird uns wohl länger von diesem Tag in Erinnerung bleiben? Die Höhle oder der Schneider, der Bäcker und der Polizist?

ride2seetheworld 

4 comments

  1. Ein total schöner Bericht. Die Berge bei Trabzon haben uns auch sehr gut gefallen.. nur unsere Höhle sah anders aus. Gute Fahrt euch durch Georgien, mal sehen, ob es noch mit einem Wiedersehen klappt!
    LG,
    Manu&Mari&girls

    1. Lieben Dank für das Lob! Wir schaffen bestimmt noch ein Treffen. Georgien ist ja nicht so groß 🤗

  2. Sehr schöner Bericht! Da werden Erinnerungen wach. Nie erlebten wir mehr Hilfsbereitschaft als in der Türkei! Es war einfach grandios! Ich dachte bei dem Bild, wo ihr in den Bergen bei Trabzon seid, ihr wärt den Soganlipass hochgefahren. Aber nein, im April? Unmöglich! Das haben wir ja im Mai noch nicht geschafft…. Ich wünsche euch weiterhin eine unfallfreie Tour und interessante Begegnungen!

    1. Lieben Dank für die guten Wünsche!

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