1001 Nacht Romantik – aber auch harter Alltag in Usbekistan

Von Chiva aus fahren wir nach Buchara, die Fahrt führt wieder zum großen Teil durch Steppe. Flach, trocken, heiß und wenig Leben. Die Überquerung von Flüssen ist hier ein echtes Highlight. Im Umfeld ist die Natur grün und die Brücken sind fast alle etwas speziell in Usbekistan. Auf dem Weg nach Buchara fahren wir über eine Eisenbahnbrücke.

Hoffentlich kommt kein Zug…

In der Stadt treffen wir uns wieder mit John und Edwin, unseren holländischen Freunden von der Fähre mit denen wir einige Tage zusammen durch Kasachstan gereist sind. Wie schön, immer wieder Zeit mit den beiden zu verbringen – Freundschaften auf Reisen bekommen einen noch anderen Stellenwert. Sie reisen etwas schneller als wir und wir treffen sie in Buchara jetzt schon das dritte Mal wieder.

Am nächsten Morgen fahren unsere holländischen Freunde ab und wir erkunden Buchara. Die vielen alten Gebäude, Plätze und Straßen sind auch hier für die Besucher wunderschön herausgeputzt. Das ist wirklich 1001 Nacht Feeling pur! Die blaugrünen Fliesen, die alle Fassaden und Kuppeln schmücken, erstrahlen im Glanz der Sonne. Inzwischen sind die Tage wirklich richtig heiß und trocken und manche einheimische Besucher tragen Sonnenschirme und wunderschöne Kleider. Auch die vielen Souvenir- und Kleiderhändler tragen zum Flair bei. Die heutige Seidenstraße mit Travellern und Touristen anstatt mit Händlern und Gelehrten der früheren Zeiten.

Unser Messer aus Maulbeerbaum wird graviert

So sitzen wir auch tatsächlich mitten in Buchara in einem deutschen (!) Cafe !!!! Da ist es dank der dicken Mauern des alten Gebäudes angenehm kühl und der Kaffee schmeckt so unglaublich lecker…. Nach dem vielen Tee der letzten Monate ein willkommenes Highlight. (Robert hatte bereits Entzugserscheinungen)  

Wir bleiben 4 Nächte in Buchara und erkunden nicht nur den touristischen Teil der Stadt, sondern verbringen auch fröhliche Stunden mit anderen Reisende (Christina aus Italien und Anja & Robert aus Dresden) und verlassen auch wieder die Touripfade auf unseren Erkundungstouren. Die geputzten Fassaden der alten Koranschulen und Moscheen sind wirklich wunderschön anzusehen und zu fotografieren, aber uns interessiert eben auch immer wieder das wirkliche Leben in den Ländern und die Begegnungen mit den Menschen. So machen wir uns nach 4 Tagen wieder auf und fahren in Richtung Quarshi.

Genau diese Häuser sieht man hier sehr viel! Einheitsbauten 🙂

Wir sind uns nicht sicher, ob wir jemals im Leben wieder in der Lage sein werden, auf das Hupen eines Autos anders zu reagieren als mit Winken. Es ist einfach unglaublich hier. Etwa 70 – 80 % aller Fahrzeuge, die uns überholen hupen und winken fröhlich, die Daumen gehen hoch oder die Handys zum filmen und fotografieren werden gezückt. Oder die andere Variante: plötzlich werden die vor uns fahrenden Autos immer langsamer, wir überholen und die Daumen gehen hoch, die Fahrer hängen sich aus der Tür und winken fröhlich. Meistens sitzen etwa 5 – 7 Menschen in einem Auto und alle lachen und freuen sich. Das ist wirklich ein unbeschreibliches Gefühl und zeigt uns immer wieder, wie sehr wir hier willkommen sind und damit meine ich nicht nur von der Politik sondern wirklich von jedem Bewohner. Seit Februar 2019 hat das Land seine Tore noch weiter geöffnet und für viele Nationalitäten ist die Einreise nach Usbekistan visumsfrei möglich. (wie jetzt auch für uns)  

Da wir gerade für Russland ein Visum in Deutschland mit unseren zweiten Reisepässen beantragen, wollen wir noch ein paar Telefonate führen und halten in der Nähe eines Funkmastens an. Das Internet in Usbekistan ist oft schlecht und daher klappen Telefonate über Whatsapp oder VoIP nicht immer. Wir setzen uns auf eine Mauer und telefonieren mit Oli, der uns bei dem Transport der Pässe behilflich sein wird. Danke! Und auch ein riesiges Dankeschön an Manfred & Martina, die wir einfach in Chiva angesprochen haben, ob sie unsere Pässe mitnehmen auf ihrem Rückflug nach Deutschland. Da kannten wir uns gerade 10 min 😊 und die beiden haben spontan zugesagt, unsere Pässekuriere zu werden. Wir sitzen also in der Nähe von Quarshi auf einer Mauer im Schatten um zu telefonieren da kommt aus dem Haus ein Mann und bringt uns eine Sitzunterlage. Etwa 10 Minuten später kommt er zurück und läd uns zum Tee ins Haus ein. Heute ist Ende der Ramadanzeit und die Frauen haben ihre Hände und Füße mit Henna bemalt und sie tischen für uns auf (Kekse, Bonbons, Brot, Obst, Joghurt) – essen aber selbst nichts mit, da es erst 16 Uhr ist. Wir kommunizieren wieder über Google translator und über die Tochter, die englisch in der Schule lernt. Die Familie ist total herzlich und läd uns auch ein zu bleiben, was wir aber ablehnen. Es ist nicht immer ganz einfach mit so viel Gastfreundschaft umzugehen. Doch was wir ein paar Stunden später erleben, ist emotional noch eine extremere Erfahrung.

Auf der Karte haben wir einen Stausee entdeckt, an dem wir gern unser Zelt aufschlagen möchten. Wir fahren über etwa 1o Kilometer unbefestigte Wege auf der Suche nach einem schönen Plätzchen am See. Überall gibt es jedoch einfache Hütten und Menschen und ein einsames Plätzchen ist hier Fehlanzeige. Irgendwann stoppen wir und es dauert nicht lange, ein Auto hält: 5 Männer steigen aus und bestaunen die Motoräder und wir fragen sie nach einem Platz wo wir unser Zelt aufstellen können. In diesem Augenblick kommt ein Mann auf dem Fahrrad und sofort beschließen alle, dass wir ihm hinterherfahren sollen. Er führt uns auf sein Grundstück an seine Lehmhütte und natürlich werden wir eingeladen im Haus zu schlafen. Als wir das erfolgreich ablehnen und unser Zelt aufschlagen, kommen wir um eine Einladung zum Abendessen aber nicht mehr herum. Hier ist es wirklich sehr, sehr einfach und arm. Die Familie besitzt eine Kuh und das Kälbchen darf nur kurz an den Euter – der Rest der Milch wird für die Familie benötigt. Das Kälbchen ist sehr mager und steht angebunden bei der Hütte.

Hier sind wir Gäste
Einen Campingstuhl haben die Beiden noch nie gesehen und ich lade sie ein Platz zu nehmen

Zum Abendessen gibt es altes Brot, dünnen Tee und Joghurt. Sonst nix! Wir sind uns nicht sicher was es geben würde ohne unseren Besuch.  Wir bringen unsere Gurken und Tomaten mit und ich kann euch gar nicht erklären was für ein Gefühl das ist…. 6 Kinder in zerschlissener und löchriger Kleidung im kleinen Raum. Der Älteste darf bei uns sitzen, die anderen stehen und sitzen verschüchtert in der Ecke und schauen sehnsüchtig auf das Gemüse. Wir sind uns sehr sicher, dass es hier sehr, sehr selten so etwas wie Tomaten und Gurken zu essen gibt. Offensichtlich essen die Kinder erst nach den Erwachsenen, aber wir bieten ihnen Gurke und Tomaten an, die sie sehr zögerlich annehmen um sie dann zu verschlingen.

Im dem kahlen Raum gibt es kein Möbelstück, außer einem uralten kleinen Fernsehen und an der Wand hängt eine Weltkarte. Wir sitzen natürlich auf dem Boden und essen auch dort. Wir zeigen an der Karte welche Route wir bisher gefahren sind und sehen später, wie der älteste Sohn vor der Karte steht und sich alles nochmal in Ruhe anschaut. Was mag er wohl dabei gedacht haben?

Das geht wirklich sehr unter die Haut!

Wir brechen am nächsten Morgen auf, hinterlassen noch ein paar von unseren Vorräten als Dankeschön dass wir auf ihrem Grund zelten durften und fahren in Richtung BERGE! Die ersten Berge seit dem Kaukasus nördlich von Baku. Solange Zeit sind wir nur durch absolut flaches Land gefahren (der Westen von Kasachstan, Usbekistan), dass wir uns an den Hügeln gar nicht sattsehen können. Anspruchsvolle Pisten und Straßen führen uns in einem Bogen nach Samarkand. Die nächste Stadt in Usbekistan, die uns 1001 Nacht Romantik verspricht. Welch Kontrast zu der Lehmhütte am Stausee…

ride2seetheworld

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