Im letzten Jahr haben wir in Mérida (Yucatán) den Día de los Muertos erlebt. Eine Woche lang gab es fast täglich einen anderen Umzug und zahlreiche Shows. Es war wunderbar und wir konnten diese besondere Feieratmosphäre zu 100 % genießen. Am Tag der Toten feiern die Mexikaner das Leben!
In diesem Jahr wollten wir das Ursprüngliche dieser Tradition erleben und sind deshalb nach Michoacán gefahren. In der wunderschönen Stadt Pátzcuaro haben wir für eine Woche unsere Villa Kunterbunt auf einem Campingplatz aufgestellt und erkunden von hier aus den Ort und die Gemeinden, die rund um den See verteilt liegen. Hier begegnet uns überall noch das ursprüngliche Mexiko. Die Frauen tragen ihre traditionelle Kleidung und die alten Bräuche werden vielerorts noch ganz selbstverständlich gepflegt.

Vor den Feiertagen
Bereits in den Tagen vor dem Día de los Muertos gibt es so viel zu sehen und zu erleben. Hier wird beispielsweise ein Tor zum Friedhof mit Blumen geschmückt. Die wackelige Gerüstkonstruktion, das Bier in der Hand und das gemeinsame Lachen dürfen dabei natürlich nicht fehlen. An einem anderen Tag schlendern wir über den Markt und entdecken überall den vielfältigen Grabschmuck. Fast jeder Brunnen und viele Hauseingänge verwandeln sich in orange leuchtende, blühende Schmuckstücke.
Und dann beginnen die Feiertage: Große Umzüge, wie wir sie beispielsweise aus Mérida kennen, sehen wir hier kaum. Auch Catrinas begegnen uns nur selten und die Einheimischen verkleiden sich nicht. Das entspricht hier einfach nicht der Tradition.
Stattdessen prägen vor allem die zahlreichen Ofrendas – die Altäre, auf denen Bilder der Verstorbenen aufgestellt werden – das Fest. Und die Friedhöfe werden zum Mittelpunkt des Geschehens.








Der freie Wille bleibt am Bootsanleger zurück
Für den 1. November buchen wir eine geführte Tour. Es erscheint uns eine einmalige Gelegenheit, die berühmte Insel Janitzio zu besuchen, die als Wiege des Día de los Muertos gilt. Natürlich könnte man auch einfach eine Fähre nehmen, aber wir möchten ja das Ursprüngliche entdecken.
Also stehen wir um 4.30 Uhr auf, werden pünktlich um 5.30 Uhr abgeholt und treffen uns mit 40 anderen Tourteilnehmern am Bootsanleger. Unser einheimischer Tourguide begrüßt uns mit einem warmen Getränk (tagsüber sind immer etwa 24 Grad aber nachts sind es nur 8 Grad) und jeder bekommt einen selbstgemachten Fisch um den Hals gehängt.
Und als dann auch noch beim Start der Guide sein Fähnchen hochhält, wissen wir: Jetzt ist es so weit! Wir haben den freien Willen eines Reisenden soeben an der Kasse abgegeben. Wir sind Teil einer geführten Reisegruppe und trappeln brav hinterher.




Magie im Morgennebel
Trotzdem: Der Morgennebel macht die Fahrt über den See zu einem magischen Moment. Und als dann auch noch die Sonne durch die Nebelschwaden bricht, ist die Romantik perfekt (denken wir). Denn es kommt noch besser!
Wir wären ja nicht in einer Reisegruppe, wenn wir nicht auch eine Show erleben würden. Als wir uns der Insel nähern, tauchen plötzlich sechs Fischerboote vor uns auf. Mit ihren berühmten „Schmetterlingsnetzen“ zeigen sie uns, wie hier traditionell gefischt wird. Die Erklärungen unseres Guides sind interessant – aber wirklich unglaublich sind die Bilder. Eine Show, die schöner nicht sein könnte. Und das Ganze im Morgennebel!






Zwischen Einblick und Vermarktung
Auf der Insel besuchen wir zwei Familien und erfahren ganz privat ihre Geschichten rund um den Día de los Muertos. Wir hören, wie sie diesen Tag zelebrieren und was er für sie bedeutet. Das ist alles sehr spannend. Aber mit 40 Menschen in einer ärmlichen Hütte zu stehen und der Geschichte vom verstorbenen Großvater zu lauschen, fühlt sich irgendwie doch merkwürdig an.
Natürlich werden wir auch um eine kleine Spende gebeten. Wir sagen uns: Auf der einen Seite kommt das Geld bei den richtigen Menschen an, auf der anderen Seite ist es aber auch nichts anderes als eine Vermarktung ihrer Tradition. Genau diese Frage beschäftigt uns in den nächsten Tagen sehr.
Auch haben wir selbst die Gelegenheit auf einer Ofrenda die Bilder unserer Mütter aufzustellen und somit auch für unsere verstorbenen Verwandten den Weg über die Brücke zu ermöglichen. Denn der Glaube besagt, dass nur die Toten zu Besuch kommen können für die noch irgendwo ein Foto aufgestellt ist.




Das ursprüngliche Mexiko – ein Besuchermagnet
Als wir gegen 11 Uhr die Gruppe verlassen und uns den Weg zu den Fährbooten durch die Souvenirgeschäfte bahnen, sind wir wirklich entsetzt. Die Menschenmassen, die auf die Insel strömen, sind unglaublich. Die Fährboote fahren wie auf einer Perlenschnur aufgereiht und an der Anlegestelle reichen die Warteschlangen gefühlt bis ins Unendliche.
Ich habe wirklich noch nie so viele Reisebusse gesehen wie an diesem 1. November in Pátzcuaro. Alle auf der Suche nach dem ursprünglichen Día de los Muertos. Irgendwie pervers.
Ein Friedhof, der den Einheimischen gehört
Als wir am späten Abend mit Lika und Luna aufbrechen, ist uns eines klar: Wir fahren ganz sicher nicht zu den bekanntesten Friedhöfen. In Tzintzuntzan waren wir bereits zweimal und haben erlebt, wie sich die kleine Stadt auf die Touristen vorbereitet hat. Auch Pátzcuaro werden wir in der Nacht der Toten meiden.
Wir fahren nach Cucuchucho. Dort erleben wir einen Friedhof, auf dem die Einheimischen feiern. Die Gräber sind wunderschön geschmückt: mit großen Blütentoren, unzähligen Kerzen, den allgegenwärtigen Cempasúchilblumen und einem Foto der Verstorbenen.
Wir beobachten eine Familie, die mit Tanz, Musik und fröhlichem Lachen ein Blumentor auf den Friedhof bringt und es am Grab ihrer Liebsten aufstellt. Es fließt Alkohol, die Musiker spielen schräg und schön und die Klappstühle werden herausgeholt. Neben manchen Gräbern entdecken wir sogar kleine Zelte für die Kinder. Denn hier bleiben heute alle Dorfbewohner die ganze Nacht und feiern mit ihren Verstorbenen Verwandten.
Die Essensstände an der Straße werden gegen 21 Uhr langsam aufgebaut. Wir sind uns sicher: Hier wird die ganze Nacht das eine oder andere Bier oder Mezcal verkauft, und die Tacos halten die Familien wach und fit.





Wo beginnt der Voyeurismus?
Doch auch hier auf diesem kleinen Dorffriedhof sehen wir einige Reisegruppen aus aller Welt. Und mehr als einmal fragen wir uns: Muss man die Kamera wirklich auf die alte Frau richten, die neben den Gräbern ihrer beiden Kinder sitzt? Wie fühlt es sich für die Bewohner an, wenn jedes Grab bis ins kleinste Detail gefilmt wird und man bei fast jedem Touristen nicht einmal das Gesicht erkennen kann, weil das Handy ständig davorgehalten wird?
Auch wir gehen durch die Reihen, grüßen die Menschen freundlich und wechseln das eine oder andere Wort. Trotzdem fühlt es sich für uns viel besser an, am Rand des Geschehens zu bleiben und die Kamera nur kurz auf die gesamte Szenerie zu richten.
Und wieder stellen wir uns die Frage: Wie lassen sich Tradition und Tourismus gut miteinander verbinden?
Natürlich ist der wirtschaftliche Aspekt des Tourismus enorm. Aber was geht dabei auch alles verloren?
Ein wunderschönes Erlebnis, aber auch Nachdenkliches
Pátzcuaro und die gesamte Gegend rund um den See sind wunderschön und absolut sehenswert. Auch die Traditionen, die wir erleben durften, sind einzigartig und bewegend. Wir nehmen viele besondere Eindrücke und Erlebnisse mit aus dieser Woche hier, aber auch einige Fragen, über die wir sicher noch länger nachdenken werden.
Und manchmal bedeutet echtes Entdecken eben auch, einen Schritt zurückzutreten, nicht alles fotografieren zu müssen und den Menschen ihre privaten Traditionen zu lassen.
Wir sind dankbar für das, was wir erleben durften. Es war wirklich außergewöhnlich, besonders, einzigartig und wird immer in Erinnerung bleiben.









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