Ein Grenzübertritt, ein Skorpion und das Gefühl: Hier beginnt etwas Neues
Ein Grenzübertritt, ein Skorpion und das Gefühl: Hier beginnt etwas Neues

Ein Grenzübertritt, ein Skorpion und das Gefühl: Hier beginnt etwas Neues

Die letzten Tage in Guatemala fühlten sich irgendwie… zäh an. Nicht schlecht – aber auch nicht leicht. Und eigentlich wissen wir: Das liegt nicht am Land. Wir hatten Guatemala bei unserem letzten Besuch drei Monate intensiv, spannend und abseits der großen Routen kennengelernt. Diesmal entschieden wir uns bewusst für die Hauptverkehrsstraßen in Richtung El Salvador. Und die haben es in sich.

Der Verkehr ist schnell, aggressiv, getrieben. Die LKWs drücken alles vor sich her und die ohrenbetäubenden Motorbremsen hinter einem bedeuten nur eines: Gib Gas – oder es wird gefährlich. Dazu zwei Tage Schmuddelwetter. 20 Grad, Nieselregen, grauer Himmel. Nicht mein Wetter. Nicht meine Stimmung.

Zur kleinen Selbstaufmunterung gönne ich mir dann immerhin einen Sonnenhut aus Naturfaser. Secondhand, aus den USA, nie getragen, Markenware. Preis: 0,27 Cent. Manchmal reicht so eine Kleinigkeit, um zumindest innerlich ein bisschen Sonne zu erzeugen.

Neuer Sonnenhut im Nieselregen

Unsere Zwischenstopps nahe Poptún, Río Dulce und Aldea Sábana Grande waren nett. Freundlich. Aber sie berührten uns nicht wirklich. Alles fühlte sich eher nach Durchreise an als nach Ankommen.

Wir zelten bei Poptún auf der Finca Ixobel
Unsere letzte Nacht in Guatemala nahe einer alten Rennbahn
Die hügelige Landschaft ist wunderschön
Der Verkehr ist krass

Und dann erreichen wir El Salvador.

Allein die Einreise hat eigentlich eine eigene Blogseite verdient. Normalerweise besteht jede Grenze für uns aus zwei Pflichtterminen: Immigration (Einreisestempel im Pass) und Zoll (TIP – Temporary Import Permit fürs Motorrad). Oft kommen noch Gebühren dazu, besonders lustig war da z.B. Belize mit Grenzentwicklungsabgabe und Ausreisegebühr.

In Guatemala müssen wir bei der Ausreise Reisepass mit Ausreisestempel und das TIP-Papier an einer Bretterbude kopieren – damit diese anschließend im Zollbüro bearbeitet werden können. Man mag sich kaum vorstellen, wie viele Tonnen Papier dort inzwischen lagern. Einen eigenen Kopierer könnten sie sich wohl nicht anschaffen? oder gar über eine elektronische Lösung nachdenken?

Wir kennen auch andere Grenzen, an denen man neun verschiedene Stempel an neun unterschiedlichen Stellen sammeln muss. Kasachstan war so ein Fall. Das fühlt sich an wie ein mittelalterliches Schnitzeljagd-Ritual.

Und dann kommen wir nach El Salvador.

Zwei ausgesprochen freundliche Mitarbeiter der Immigration begrüßen uns direkt am Motorrad, nehmen unsere Pässe – und stempeln 180 Tage Aufenthalt. Hundertachtzig! Das ist neu. Großzügig. Entspannt und super schnell. Während wir noch ganz überwältigt von der Geschwindigkeit sind, kommt bereits ein Zöllner auf uns zu und erklärt uns, wo und wie wir unser TIP bekommen. Kein Suchen. Kein Rumfahren. Wirklich ungewöhnlich!

Wir parken auf dem vorgesehenen Platz, bekommen einen QR-Code, füllen alles selbst am Handy aus. Laden unsere Papiere online hoch. Kurzer Blick des Zöllners auf VIN-Nummer und Kennzeichen – fertig. TIP als Ausdruck und per E-Mail. Schnell, modern, effizient. Wir schauen uns an und denken dasselbe: Ein anderes Jahrtausend!

Und dann auch noch … saubere, neue Toiletten. Warum ich die erwähne? Weil ich gerade dort bin, als ich plötzlich draußen Roberts laute Stimme höre: „Barbara, kannst du bitte schnell rauskommen?“

Ich ziehe hastig die Motorradklamotten wieder an, renne raus. Robert steht vor dem WC und sagt: „Ich bin gerade von einem Skorpion gestochen worden. Und der ist noch irgendwo in meiner Kleidung.“ Oh shit!!!! Die können richtig gefährlich sein.

Wir suchen, finden das Tier am Hosenbund, schlagen es auf den Boden, machen noch schnell ein Foto – und treten drauf. Robert hält sich die rechte Hand. Sie brennt, aber schwillt kaum an. Ein Zöllner reagiert sofort, bringt uns zur Krankenstation. Die Ärztin schaut sich das Foto an, dann die Hand. Entwarnung. Nicht giftig.

Was für ein aufregender Start in ein neues Land.

Der war in Roberts Hose…..

Für die ersten zwei Nächte entscheiden wir uns für eine kleine Wohnung nahe der Innenstadt von Metapán. Und plötzlich ist da wieder dieses Gefühl: Hier stimmt alles. In zwei Tagen sehen wir keinen einzigen internationalen Touristen – und wir verlieben uns sofort in dieses Städtchen.

Was uns in den ersten Tagen auffällt:

  • Die offizielle Währung ist der US-Dollar – für uns ist dadurch gerade alles erstaunlich günstig.
  • Alle Motorradfahrer tragen Helm. Und es fühlt sich tatsächlich so an, als würden Verkehrsregeln ernst genommen.
  • Ein Liter Benzin kostet etwa 0,85 Euro.
  • Kostenloses WLAN im Park.
  • Jeder grüßt. Wirklich jeder. Offen, freundlich, neugierig.
  • Ein Soldat hält selbstverständlich den Verkehr an, damit ein alter Mann die Straße überqueren kann.
  • Ein junges Mädchen spricht uns an, ob sie uns bei Übersetzungen helfen soll. Sie ist in den USA aufgewachsen und vor Kurzem mit ihren Eltern zurückgekehrt. Wir fragen nicht, warum sie die USA verlassen haben.
  • Ein Polizist läd uns im Café an seinen Tisch ein und unterhält sich eine halbe Stunde mit uns.
  • Wir hören bereits erste Lobeshymnen auf den Präsidenten Bukele, der das Land deutlich verbessert hat in den letzten Jahren.
Wir verbringen einige Zeit am Parque Central
Abendstimmung
…Samstag ist Markttag
Lastensättel in Handarbeit hergestellt

Alles wirkt ein bisschen ordentlicher, sauberer, entwickelter und vergnügter als zuletzt in Guatemala. Und jeder hier ist unglaublich offen und freundlich interessiert.

Wir sind sehr gespannt auf dieses kleine Land, das von Fläche und Einwohnerzahl her ungefähr mit Hessen vergleichbar ist.
Und wir haben das Gefühl: El Salvador hat gerade erst angefangen, uns seine Geschichte zu erzählen

ride2seetheworld

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